Partystimmung. Die Klausurphase ist überstanden, alle sind erleichtert. Mich ausgenommen, denn ich nehme ja keine positiven Gefühle wahr. „Kommst du heute Abend mit zur Gartenparty?“ - „Ja, klar, sehr gerne!“ (Innerer Dialog: ‚Kannst du wieder ein bisschen Sozialtraining betreiben. Wird bestimmt ganz nett, vertraute Runde, da solltest du dich halbwegs wohl fühlen. Und vielleicht hast du die Chance, M. etwas näher zu kommen.‘).
Beim Eintreffen auf der Party - ich gehöre zu den ersten Gästen - der gewohnte Schock: ich kenne zunächst nur 2 von 6 Anwesenden. (‚Na toll! Wie naiv du immer bist, zu glauben, es wird eine vertraute Runde. Locker bleiben, bisschen Smalltalk. Und vielleicht kommt M. ja auch bald.). Es stellt sich eine leichte Übelkeit ein.
Anfangs bin ich halbwegs zufrieden mit mir. Ich komme ins Gespräch mit ein paar angenehmen Leuten und den zwei Machotypen gehe ich aus dem Weg. Dennoch sorgt ihre Anwesenheit bereits dafür, dass ich mich 15cm kleiner fühle. (‚Sieh dir diese eloquenten Männer an, so könntest du niemals sein!‘). Der Garten gefällt mir, das Wetter ist traumhaft. Mehr Leute treffen ein, der Grill wird angeschmissen, die Übelkeit schwindet, weil ich abgelenkt bin. Ich ergatter mir den Platz des Grillkohlenaufsehers. Denn so kann man unauffällig und nichtstuend am Grill rumstehen und muss sich nicht aktiv unter die Leute mischen. Etwas in mir wünscht sich nämlich, dass die Leute zu mir kommen und nicht anders herum. Es stehen tatsächlich auch ein paar Leute bei mir am Grill und wir quatschen ganz nett.
Ziemlich spät trifft M. mit ihren Freunden ein. Sie sind bereits leicht angetrunken und machen sich gleich ne Flasche Sekt auf. Dabei bleiben sie zunächst unter sich. Noch ein neuer Typ ist dabei, den ich nicht kenne. Sie scheinen sehr vertraut miteinander und haben Spaß. Meine Stimmung macht die Kellertür auf und verabschiedet sich ins Dunkel. Jetzt bin ich wieder 12 Jahre alt. Ein dumpfes Gefühl stellt sich in der Bauchgegend ein. (‚Du gehörst hier nicht hin; Du bist kein Teil dieser Welt; Alle haben Spaß, außer du; M. kennt so viele bessere Männer, als dich; Du bist ein Nichtsnutz; Allen wird auffallen, wie seltsam du bist; Du bist erbärmlich, zu glauben, M. würde sich für dich interessieren.‘).
Ich beschließe, M. zunächst aus dem Weg zu gehen, bzw. mich nicht absichtlich in ihrer Nähe aufzuhalten. Das gewohnte Rückzugsprogramm im Kopf läuft auf vollen Touren. Am liebsten würde ich mich in einer Gartenecke verstecken und darauf warten, dass das jemanden, voll Sorge um mich, auffällt und er mir dann Beachtung schenkt. Diese Beachtung würde ich dann selbstverständlich umgehend schroff zurückweisen - mit der insgeheimen Hoffnung, weiter Beachtung zu erhalten. Immerhin: dieses kleinkindliche Verhaltensmuster habe ich durchschaut, und es gelingt mir, Contenonce zu bewahren. Ich versuche mich so zu verhalten, wie ich glaube, dass man das auf solchen Partys tut.
Nachdem sie lange mit einem der Machotypen gequatscht hat, unterhält sich M. mittlerweile mit einem ihrer ehemaligen Dates. (‚Läuft es nicht großartig? - du Versager!‘). Irgendwann kann ich der Versuchung nicht mehr widerstehen, mich allein abseits auf die Hollywood-Schaukel zu setzten. Zum einen, weil ich das wirklich mag, zum anderen aber auch wieder, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und weil ich mir über die Kleinkindlichkeit dieses Verhaltens zum Teil bewusst bin, fühle ich mich gleich noch schlechter. Lange sitze ich dort nicht allein, ein Kumpel gesellt sich dazu und als M. uns dort sitzen sieht, kommt auch sie - endlich - zu uns; zu mir. (‚Zu dir? Vergiss es! Sie kommt hierher, weil sie sich so gerne mit dem Kerl neben dir unterhält!‘).
Ich finde, wie so häufig in letzter Zeit, nicht so richtig in das Gespräch mit M. Vermutlich ist die innere Anspannung zu hoch. Einer ihrer besten Kumpels trifft ein und kommt sofort zu uns. Sie begrüßt ihn freudig. (‚Dich hat sie noch niemals so begrüßt, Loser. Sie will nichts von dir, hab ich dir doch schon tausendmal gesagt!‘). Der Platz neben mir wird frei. Ihr guter Freund scheint zu wissen, dass da zwischen M. und mir ev. etwas entsteht und versucht, sie dort hin zu komplimentieren. Sie ziert sich, setzt sich dann schließlich neben mich. Ich könnte innerlich kotzen und muss gegen den Impuls ankämpfen, nicht einfach wegzugehen. (‚Dieser Kindergarten ist totpeinlich!‘). Weil es gerade so gut läuft, gesellt sich nun auch ihr ehemaliges Date in unsere illustre Runde und ich verlasse die Szene unter dem nur halb vorgeschobenen Vorwand, auf Toilette zu müssen. (‚M. fühlt sich hier mit allen außer dir sehr wohl und hat Spaß. Du bist so erbärmlich und unfähig!‘).
So geht der Abend langhin. Innerlicher Kampf gegen die Rückzugstendenz; Überwindung; Nähe zu M. suchen; von mir selbst enttäuscht und angewidert sein; Rückzug. Und wieder von vorn. Die Party ist irgendwann vorbei, wir fahren alle zusammen mit dem Fahrrad nach Hause. Ich bin enttäuscht, das M. nicht neben mir fährt (‚Warum sucht sie nie die Nähe zu mir?‘). Ich habe keine Gelegenheit, mich von ihr zu verabschieden und bin schließlich allein auf meinen Heimweg. Ich spüre ein schales und flaues Gefühl im Bauch. Ich fühle mich sehr schlecht, wieder wie früher als Kind, als ich auf solchen Partys um die Aufmerksamkeit von Kumpels oder Mädchen gebuhlt habe. Ich möchte mich verkriechen, den Kontakt zu M. und der Welt abbrechen und nie wieder ans Tageslicht kommen. Ich möchte mich selbst zerreißen, schäme mich abgrundtief für mein dummes Verhalten und meine Unfähigkeit. (‚Niemand kann dich leiden; Wie konntest du nur auf die Idee kommen, ein Teil dieser Welt sein zu wollen?‘).
Ich weiß, ich stecke in einem emotionalen Flashback. Die Nacht verspricht nichts Gutes und ich tue mir selbst einen Gefallen und nehme eine Tablette meines Lieblingsmedikaments. Denn es bringt Ruhe in den Kopf und einen guten Schlaf. Ich will nicht länger über den Abend nachdenken. Ich will gar nichts mehr. Ich will eigentlich nur normal sein. Einfach nur normal sein.
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Postskriptum: Wie widersinnig und verfälscht die eigene Wahrnehmung in solchen, oben beschriebenen, Situationen ist, zeigt sich auch daran, dass es ein paar Tage später mit M. ein Happyend gab. Sie mochte mich also. All die abwertenden, gegen mich gerichteten Gedanken waren falsch. Also bitte: hört nicht auf diesen verbitterten inneren Kritiker! Er hat unrecht, er ist ein Relikt einer längst vergangenen Zeit, in der wir ihn als Überlebensstrategie brauchten. Jetzt sind wir erwachsen und können und müssen uns gegen seine destruktiven Gedanken zur Wehr setzen.